Begegnung mit dem Unbekannten: Streik
Juni 6th, 2006 08:51 von Redaktion in • UniversitätText: Axel Jochen Pioch
Es sind die Zeiten der Studentenproteste vorbei. Weder die definitiv bevorstehenden Studiengebühren noch die tariflichen Auseinandersetzungen scheinen Studierende zu interessieren und zu bewegen.
Dabei hatte der Arbeitskampf im öffentlichen Dienst ein vorausgehendes Ereignis. Geplante soziale Einschnitte bei jungen Arbeitnehmern in Frankreich führten zu einem Aufstand im Land, der seines Gleichen suchte. Es blieb nicht nur bei Diskussionsveranstaltungen an den Hochschulen. Protestnächte, aufbegehrende Schüler und Studenten, brennende Autos und eine schwere Regierungskrise waren im Nachbarland die Folgen.
In Deutschland blieb alles ruhig. Die Tarifauseinandersetzungen in Deutschland begannen in der vorlesungsfreien Zeit. Auch die Flensburger Lokalpresse witzelte gequält, dass der Streik nicht bemerkt würde. Im Lauf der 13wöchigen Auseinandersetzung wandelte sich jedoch das Blatt. Auch wenn nicht alle Verwaltungsbereiche der Universität vom Streik betroffen waren, machten sich Einschnitte zunehmend stärker bemerkbar. Sowohl die Grundversorgung z. B. mit Informationen, Post und Schlüsseln blieb stark eingeschränkt, wie der Bereich der Haustechnik. In der Folge gab es Folgewirkungen in der IT Versorgung. Last but not least mussten ebenfalls einige Veranstaltungen ausfallen.
Alles keine dramatischen Auswirkungen des Streiks. Ein Aufstand wie im Nachbarland blieb aus. Apathie war hier eher festzustellen. Studierenden ist die Notwendigkeit des Einsatzes für soziale Gerechtigkeit im Arbeitsleben anscheinend nicht zu vermitteln. Allein das Institut für Internationales Management mühte sich mit einer Diskussion Transparenz in die Auseinandersetzung zubringen. Die begonnene akademische Auseinsetzung wurde jedoch nicht fortgeführt.
Die Ziele der Gewerkschaften hatten es auch nicht leicht in der Öffentlichkeit. Von einer Diffamierungskampagne der Presse mit dem Vorwurf `Streikende Straßenwärter gefährden bewusst das Leben Anderer` bis zum Totschlägerargument der `leeren Kassen` galt es ohne Machtinstrumente entgegenzuwirken. Zudem erwies sich das Ziel, einen `Flächentarifvertrag` zu halten, als zu abstrakt für Studierende. Die Gewerkschaften sind bei kommenden Tarifauseinandersetzungen gut beraten, nachzudenken, wie sie Menschen, die noch nie oder nicht im Arbeitsleben stehen, diese Werte zu verdeutlichen. Auch gerade weil sie die Basis für ein eine demokratischen Gesellschaft sind.
Demokratie ist genauso notwendig wie das Engagement hierfür. Hiervon mangelt es allerdings bei Studierenden. Das ist leider nicht Neues. Die bevorstehenden Wahlen für die Gremien der Studierenden werden es mit einer inakzeptablen Wahlbeteiligung erneut belegen.
Kein Wunder dass der Streik auch auf Seite der Agierenden jede Menge Unmut freisetzte. Schließlich habe die Streikenden auf ihr Gehalt verzichten. Gewerkschaftsmitglieder haben in den 13 Streikwochen auch nur ca. zwei Drittel aus den eigenen Reihen ersetzt bekommen. Die große Masse blieb mal wieder still. Die nimmt jedoch das als soziale Selbstverständlichkeit hin, wofür Andere sich krumm legen. Naivität paart sich erneut mit Ignoranz.
Ganz nebenbei: Gerade durch die Streikaktivitäten in Schleswig-Holstein wurde die Abschaffung des Flächentarifs verhindert. Erfreulicherweise konnte das Lohnniveau und das gerade für untere Lohngruppen wichtige Urlaubs- bzw. Weihnachtsgeld gehalten werden. Erreicht wurde zudem ein neues leistungsorientiertes Entlohnungssystem, das unter anderem die antiquierte Trennung in Arbeiter- und Angestelltenbereich aufhebt.
Die Laufzeit des Tarifsvertrags bis Ende 2008 sorgt für Stabilität. Somit ist nun auch alles gut? Mitnichten. Gerade die Arbeitszeit an den schleswig-holsteinischen Hochschulen wurde bewusst aus einer pauschalen Regelung heraus genommen. Hier geht die Auseinandersetzung weiter. Wer glaubt dies sei belanglos? Die Tarifauseinandersetzung hat deutlich gezeigt, das selbst auf Minuten herunter gebrochene tägliche Arbeitzeiten zu einer Nichtwiederbesetzung von Arbeitsplätzen führt. Das sollte auch zukünftigen Arbeitsplatzsuchenden einleuchten…


