Master-Studium “Down-Under”

Januar 13th, 2009 19:09 von Redaktion in • Universität

Ehemalige Flensburger Studentin im Masterstudium in Auckland

Von MARC PAYSEN

Nina Walenz studierte von 2004-2007 in Flensburg International Management. Nach einem Praktikum in Hamburg bei BEECKEN.DIALOG.HOUSE entschied sie sich, ihr Master-Studium am anderen Ende der Welt zu absolvieren: In Auckland auf Neuseeland.

CZ: Neuseeland, das liegt nahe Australien, am anderen Ende dieses Globus. Wie bist Du auf die Idee gekommen und welche Gründe sprachen dafür, Dein Studium in Übersee fortzusetzen? Was hast Du bisher studiert und wie hast Du die Grundlagen des Bachelor ergänzen wollen?
Nina: Nach dem Abitur habe ich ein Jahr mit dem Work & Travel Visum in Australien verbracht und seither „Heimweh“, weil ich „dort unten“ vor fast 6 Jahren viele positive Erfahrungen gemacht habe. Eine Rückkehr nach Australien zum Studieren, war leider nicht finanzierbar. Das benachbarte Neuseeland und Deutschland haben ein Hochschulabkommen, durch welches Deutsche „nur“ nationale Studiengebühren bezahlen müssen. Die sind zwar deutlich höher als in Deutschland, aber im Vergleich zu Australien oder den USA gering. Ich hoffte, dass mir Neuseeland wie zuvor Australien gefallen würde. Der an der University of Auckland angebotene Studiengang „International Business“ passt gut zum Flensburger Bachelor „International Management“. Gelockt hat mich der gute Ruf der University of Auckland, den ich als eine Referenz für meine Berufschancen ansehe.
CZ: Was hat die Hochschule in Auckland zu bieten? Was zeichnet das Master-Studium dort aus? Wie ist das Verhältnis zwischen Dozenten und Studenten?
Nina: Meine Fakultät ist die Business School, deren Neubau im letzten Jahr fertiggestellt wurde. Der Komplex bietet einen hohen Komfort. Als Master-Student hat man Zugang zu einem mit neuester Technik ausgestatteten PC-Labor, in dem nie Platzmangel herrscht. Wer lieber allein mit seinem Laptop arbeiten möchte, kann sogenannte „Breakoutrooms“ nutzen, in denen Stillarbeit möglich ist. Zudem gibt es eine Lounge, die Kaffee umsonst bietet und eine Zeitschriftenbibliothek, in der man in einladenden Sesseln neueste Veröffentlichungen studieren kann. Es gibt sogar Duschen – vermutlich für die Nachtarbeiter.
Die Business School ist vor allem durch ihre exzellenten Forschungserfolge und Veröffentlichungen in international renommierten Zeitschriften bekannt geworden. Den Schwerpunkt in der Lehre bildet das Research. Zu Studienbeginn hatte ich eine akademische Karriere gar nicht erwogen; nun erscheint sie mir viel attraktiver, und das Research könnte ausschlaggebend für die Karriere im Management sein.
Im Semester muss man vier Kurse wählen: drei aus seinem Fachbereich und ein Wahlfach. Die Betreuung durch die Professoren ist ausgezeichnet, normalerweise sind 12-15 Studenten im Kurs, im Höchsfall waren es 20. Das erlaubt ein schnelles Feedback zu den Prüfungsleistungen: Präsentationen und Hausarbeiten. Der direkte Professoren-Kontakt war zunächst ungewohnt, und ich war anfangs eher zurückhaltend, das Feedback in Anspruch zu nehmen. Allerdings wird es hier eher negativ ausgelegt, wenn man den Kontakt meidet. Inzwischen nutze ich jede Gelegenheit, da jede zusätzliche Erklärung das tiefere Verständnis fördert; meine Noten verbessern sich stetig. Das Verhältnis Dozent-Student ist generell freundschaftlich, und es finden häufig Kurstreffen statt, in der die Uni Getränke und Essen stellt. Es ist eine ganz andere Erfahrung als in Deutschland. Allerdings kann ich nur den deutschen Bachelor und den neuseeländischen Master vergleichen.
CZ: In Deutschland erleben wir, dass die Vorgabe, die Bachelor-Master-Abschlüsse europaweit vergleichbar zu machen, unterschiedlich umgesetzt wird: Jede Hochschule kombiniert die neuen Vorgaben mit alten Gewohnheiten und Interessen. Folge: Vieles dreht sich um Credit-Points, um Prüfungsrelevanz und um mehr Leistung - auf Kosten eines sorgfältigen Studiums der Inhalte. Wie ist die Praxis an der University of Auckland?
Nina: Die Auswirkungen des europäischen Bologna-Vertrags sind in Neuseeland nicht zu erkennen. Hier richten die Hochschulen ihre Programme und Studieninhalte nach ihren Stärken aus: Der Inhalt hat Vorrang, obwohl auch Credit-Points und Richtlinien gelten. Das System ist hier länger etabliert. Allerdings entstehen vielen Neuseeländern durch die Studiengebühren Schulden, da der sogenannte Study-Loan während der Studienzeit in astronomische Höhen steigt, weit über den Gehältern als Berufseinsteiger.
CZ: Wie wurdest Du in Auckland aufgenommen und betreut? Wie ist der Kontakt zu den anderen Studierenden? Findet man dort schnell Anschluss?
Nina: Die Unterschiede zwischen beiden Hochschulen sind groß, allerdings muss in Auckland die Ausbildung auch bezahlen. Das Verhältnis zu den Professoren und Universitätsangestellten ist in Auckland sowohl freundschaftlich als auch professionell. Als auswärtige Studentin wurde ich besonders herzlich empfangen: Eine Woche vor Beginn des Semesters gab es eine Woche lang Aktivitäten, z. B. eine Weinprobe, Barbecue im Park, Filmabend, Pubcrawl und vieles mehr. Das erleichterte die ersten Kontakte. Durch die kleinen Seminargrößen ist man schnell integriert, da man aufeinander angewiesen ist.
CZ: Was muss man an Lebenshaltungskosten investieren? Sind dort zusätzliche Studiengebühren zu entrichten? Wie sind Qualität und Zugang zu den Lernmitteln geregelt?
Nina: Die Studiengebühren belaufen sich auf 2.681 € für zwei Semester; danach hat man das Postgraduate Diploma und kann sich für den Master bewerben, der dann ebensoviel kostet. Vor Ort kann man Stipendien beantragen; Voraussetzungen sind sehr gute Noten und der Nachweis, daß man nahe dem Mindestsatz lebt. Ich habe mir nach der Ankunft einen Nebenjob in einem Café gesucht. Man kann für die Uni als Tutor arbeiten und verdient dabei gut. Nach Semesterende war es mir möglich, als Research Assistentin zu arbeiten; so kann ich in 200 Std. insgesamt 4.000 € verdienen. Die Uni hat Angebote, das Studium zu finanzieren; sogar die Professoren vermitteln teilweise Jobs.
Die Miete für ein Zimmer beläuft sich auf mindesten 200 € im Monat, in Hochschulnähe liegt es schon bei 300 €; eine Wohnung allein zu bewohnen, ist sehr teuer. Die Lebensmittel Fleisch und Fisch sind günstiger als in Deutschland, anderes ist teurer. Man sollte mindestens 500 € im Monat einrechnen, wenn man auch kulturell teilhaben will. An Büchern habe ich letztes Semester ein einziges benötigt, da die meisten Kurse sich auf elektronisch zugängliche Zeitschriften stützen. Die Bücherei vor Ort ist großzügig ausgestattet. Der Short Loan, bei dem man Bücher 1-2 Tage oder auch nur 2 Stunden ausleihen kann, sorgt für gute Verfügbarkeit.
CZ: Angenommen, Du wärest Personalchefin in einer Firma oder einer Behörde. Welche Absolventen welcher Uni hätten in Deiner Organisation eine größere Chance und warum?
Nina: Unter Ausschluss aller anderen Einstellungskriterien würde ich mich eher für den Kandidaten der Uni Auckland entscheiden. Im internationalen Vergleich ist die Uni unter den Top 50; viele anerkannte Professoren und Forscher sind dort als Lehrende tätig. Die Ausbildung an der Uni in Auckland würde ich höher gewichten.
CZ: Die Flensburger Hochschule ist eine junge Universität mit 4.000 Studierenden und 69 Professuren. Was müsste sich – vor dem Hintergrund Deiner Eindrücke aus Auckland – in Flensburg zum Besseren wandeln?
Nina: Obwohl mir die Zeit in Flensburg und die Stadt gut gefielen, war die Studienzeit sehr turbulent, da ich drei Studienordnungen und selten einen Ansprechpartner hatte, um die formalen Probleme zu lösen. Ich kann nur das Institut IM beurteilen. Der persönliche Kontakt und die Ermutigung durch Professoren haben mir gefehlt. Es schien, als würden Fragen eine Belastung und Belästigung sein.
Die Fachbereiche konkurrierten miteinander, so dass ein integriertes Studienkonzept nicht erkennbar war. Wünschenswert wäre ein häufigerer Praxisbezug und die Einordnung in den Gesamtrahmen gewesen. Ansonsten müsste die Uni Flensburg ihr Image verbessern. Die Uni Auckland kann wegen ihres Renommees hochkarätige Leute beschäftigen. Von dem Kontakt der Uni zu Wirtschaftsakteuren profitieren beide Seiten. Gut waren die in Flensburg vermittelten Auslandssemester (Bali und Chile).
CZ: Welche Empfehlungen könntest Du den Studierenden für ihr Studium und die häufig schwierige Abschlussarbeit geben? Wie könnte die Bachelor-Arbeit beim Übergang ins Master-Studium helfen?
Nina: Die Abschlussarbeit ist für mich ein rotes Tuch. Da ich beim ersten Versuch durchgefallen war, musste ich in einem zweiten Anlauf ein anderes Thema wählen. Ich empfehle, das Thema weit im voraus einzugrenzen und eines zu wählen, zu dem man bereits Vorkenntnisse aus dem Seminar oder aus persönlichem Interesse hat. Die formalen Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens, d. h. die Zitierweisen und wie man eine Referenzliste anlegt, sollten geklärt sein. Fachliteratur und Internet bieten Tipps für ein effizientes Vorgehen. Dem akademischen Lebenslauf nützt es, wenn man keine Zusatzzeiten hat, und meine Wiederholungsarbeit war ein schlechter Übergang ins Master-Studium.
CZ: Du hast Deine Bachelor-Arbeit in Flensburg zweimal schreiben müssen? Wieso war ein zweiter Anlauf notwendig?
Nina: Ich wurde zu meiner Überraschung des Plagiats bezichtigt. Mein Betreuer hatte mir das Thema „Economic Sanctions. Are they ethical and do they work? A comparison of Cuba, South Africa and Myanmar.“ vorgeschlagen. Für die fremdsprachige Arbeit wählte ich auch noch die erhöhten Anforderungen der alten Prüfungsordnung, so motiviert war ich. Drei Wochen nach Abgabe der Arbeit forderte mich eine E-Mail des Prüfungsamtes zu einer Stellungnahme zur Arbeit auf. Da ich den Grund dieser Aufforderung nicht kannte, vereinbarte ich zügig einen Termin für den nächsten Tag beim Prüfungsausschussvorsitzenden. Bei diesem Gesprächstermin konfrontierte mich mein Betreuer umgehend mit einem Betrugsvorwurf; der Vorsitzende überflog eine Textstelle am Ende der Arbeit und meinte, ich hätte „offensichtlich“ versucht zu betrügen. Tatsächlich hatte ich eine Länderbeschreibung sowie Angaben zur Bevölkerungszahl und Religionsverteilung aus einem Text kopiert und nicht gekennzeichnet; „offensichtlich“ war bloß, dass ich diese Daten selbst nicht wissen konnte und von fremder Stelle übernommen haben musste – diese Evidenz machte eine Betrugsabsicht sehr unwahrscheinlich, was ich dem „Gericht“ erklärte. Man übte dann offenen Druck aus: Wenn ich nicht zugeben würde, dass ich versucht hätt, geistiges Eigentum zu „stehlen“, würde ich ohne Abschluss von der Uni exmatrikuliert und meiner akademischen Laufbahn ein Ende gesetzt werden. Man wollte die Plagiatregeln formvollendet exekutieren, ohne sich den Inhalt näher anzusehen. Mein aufopferungsvoller Betreuer zeigte sich „enttäuscht“ und zweifelte, ob mir ein zweiter Versuch gelänge. Darauf fragte ich ihn, ob er die Arbeit vollständig gelesen hätte. Er antwortete, er hätte sie überflogen, aber wäre sich „sicher“, weitere Ungereimtheiten zu finden. Angesichts solcher Voreingenommenheit sah ich mich gezwungen, den Vorwurf zu akzeptieren, um zu einem zweiten Versuch zugelassen zu werden. Es war sehr enttäuschend zu sehen, dass die Prüfer wissenschaftliche Maßstäbe an den Prüfling, nicht aber an sich selbst anlegen.
CZ: Wurden die als Plagiat gewerteten Mängel im Gesamtrahmen bzw. in Verbindung mit der Hauptlinie der Arbeit betrachtet? Wie ist der Betreuer der Arbeit mit dem Mangel verfahren?
Nina: Es handelte sich um 3 bis 4 Sätze in einem Absatz. Der Betreuer verwies zudem auf formale Mängel bei Anführungszeichen und Fußnoten. Die Arbeit hatte einen Umfang von ca. 80 Seiten. Die Relevanz und der Umfang der Textstelle standen in keinem Zusammenhang zu den Kernaussagen der Arbeit. Ich konnte es nur damit erklären, dass die Anforderungen der alten Prüfungsordnung den Zeitdruck verschärften, da die Arbeit fremdsprachig verfasst war. Mein Betreuer hatte die Arbeit lediglich überflogen und war durch einen Plagiatsfinder fündig geworden. Der Fund führte jedoch nicht zu einem klärenden Gespräch, wie es z. B. hier in Auckland üblich wäre, sondern zu einer Vorladung beim Prüfungsamt. Eine Stelle genügte ihm, um auf die gesamte Bachelor-Arbeit zu schließen. Ein Abzug in der Note wurde nicht erwogen, weil der Betreuer sich einbildete, ich wolle ihn persönlich hintergehen. Der Prüfungsausschussvorsitzende übernahm das Urteil.

CZ: Wenn in Deiner Arbeit formale Fehler beanstandet wurden und Dir als inhaltliche Täuschung (Übernahme „fremder“ Gedanken) zur Last gelegt wurden, inwiefern hielt sich die „Klägerin“ bzw. das Institut an formale Spielregeln?
Nina: Eine Rechtsbelehrung fand nicht statt. Ich nahm an, dass der Vorwurf auf einem einfachen Missverständnis basierte und im Gespräch geklärt werden könne. Die Schärfe des Vorgehens hatte ich nicht erwartet, da man formale Mängel gewöhnlich mit Punktabzug bestraft, statt sie als Betrug auszulegen. Leider hat man als Student in der Prüfungssituation die schlechteren Karten.
CZ: Wie würden die Dozenten in Auckland einen solchen Fall einschätzen? Wie werden dort Voraussetzungen für wissenschaftliches Arbeiten geschaffen? Wie werden Streitfälle behandelt?
Nina: Hier in Auckland wird mit dem Thema Plagiat anders verfahren. Zu Beginn des Semesters wurden wir ausführlich über Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens aufgeklärt und mit einer Bibliografie-Software versorgt, die automatisch Referenzlisten erstellt und das Zitieren vereinfacht. Noch vor dem Einreichen jeder schriftlichen Arbeit muss man das Dokument bei einem Internet-Plagiats-Finder hoch laden, der einen Report an den Lehrkörper schickt. Hat man tatsächlich ein Plagiat begangen, kann man nach der Benotung der Arbeit nachvollziehen, an welchen Stellen man kopiert hat. Außerdem, sind hier Plagiate bis zu einem bestimmten Prozentsatz gestattet; für einen Literature Review sind es z. B. 30%, und erst darüber muss man sich vor dem Professor rechtfertigen. Im Falle, eines offensichtlichen Betruges ist man natürlich auch hier durchgefallen. Das geschieht aber nie, ohne dass der Vorgang mit dem Studenten zusammen erörtert wird. In Auckland sind die Betreuer stark verpflichtet, die Studenten aufzuklären und den Überblich über den Arbeitsprozess zu haben.
CZ: Wie wären die Neuseeländer in Deinem „Fall“ verfahren? Was würdest Du empfehlen?
Nina: Vor dem Hintergrund meiner Anstrengungen habe ich die Vorwürfe als sehr ungerecht empfunden. In Auckland würde die Be- und Verurteilung so nicht stattfinden: Da sich die Betreuer tiefer mit den Arbeiten beschäftigen, würde ein solcher Mangel früher entdeckt werden. Die Betreuung hilft dem Thema und sie reduziert den Zeitdruck beim Verfassen der Arbeit. Die Lehrenden in Auckland verdeutlichen besser, warum wissenschaftliches Arbeiten notwendig ist, insbesondere in seiner Anwendung. Es besteht nicht darin, neue Wortfindungen über den immer gleichen Inhalt eines Themas zu finden, sondern man muss die belegbaren Fakten zu ihrer objektiven Geltung bringen. Ein Betrugsvorwurf sollte immer die Relevanz der Textstelle berücksichtigen, denn es gibt einen Unterschied zwischen reiner Beschreibung und einer Auswertung. Letztlich werden an eine Bachelor-Arbeit in Flensburg zu hohe Anforderungen gestellt, wenn man nach 3 Jahren das abliefern soll, wozu ein Diplom-Student 5 Jahre Lernzeit gehabt hat. Das vermeintlich prüfungsbegleitende Bachelor-Studium bereitet auf die letzte Hürde nicht genügend vor.
CZ: Nachdem Du nach Flensburg und Hamburg den großen Schritt nach Auckland gewagt hast, was würdest Du anderen empfehlen, die auch an so etwas denken, aber den Schritt für sich als sehr groß ansehen und sich noch nicht trauen?
Nina: Nicht zu lange nachdenken, Ticket buchen, in den Flieger und los! Es lohnt sich.
CZ: Auf welchen Kontinent werden wir Dich demnächst treffen können?
Nina: Australien!





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