Professor Unrat
Januar 17th, 2009 15:01 von Redaktion in RezensionenVon DANIELA ZIMMERRIEMER
Professor Unrat wirft giftig-grüne Blicke umher. Sollte er nur einen Funken von „Aufruhr“ in der Klasse verspüren, steigt in ihm sofort hilflose Wut auf und er fängt an zu toben und zu schreien. Erwischt er einen seiner Schüler bei einer Missetat, straft er ihn mit ernster Genugtuung und reibt sich die Hände.
Dass der Alte eigentlich ein hilfloser, einsamer Tropf ist und im Umgang mit anderen Menschen lächerlich erscheint, lässt ihn zu einer entlarvenden Karikatur des deutschen Spießbürgers werden.
Erstmalig erschienen 1905, erzählt der Roman Heinrich Manns „Professor Unrat. Der blaue Engel“ die Geschichte eines Tyrannen namens Raat, den seine Schüler zu seiner Demütigung Unrat nennen. In der Folge von Rachsucht und emotionaler Abhängigkeit gibt er seine bürgerliche Existenz in späten Jahren auf und heiratet die „Barfußtänzerin“ Rosa Fröhlich.
Die feinfühlige Charakterisierung des Scheusals Unrat verweist nicht zuletzt auf den typisch deutschen Mann der Kaiserzeit und trifft ihn zugleich ins Mark, denn psychologisch tiefgreifend beschreibt Mann eine Figur, die von Herrschsucht besessen ebenso untertänig ist. Macht und Ohnmacht liegen bei dem alterndem Gymnasialprofessor dicht beieinander: Die ständige Angst vor Kontrollverlust lässt ihn zum alltäglichen Tyrann werden, über den der Rest seiner kleinen Welt lacht oder mitleidig mit dem Kopf schüttelt.
Die Verfilmung „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich und Emil Jannings gehört zu den wenigen Welterfolgen des deutschen Tonfilms und vor kurzem erschien der Klassiker unter der Regie von Berhard Jugel auch als Hörspiel. Doch während sich Film- und Hörspielstoff mehr noch um die Femme fatale und dem Verfall eines Spießbürgers dreht, steht im Roman die Figur des lächerlichen Gewaltherrschers im Mittelpunkt, der sich vom Biedermann zum anarchischen Spielhausbetreiber entwickelt und letzten Endes kriminell wird.
Ein grandios scharfsinnig gezeichneter Charakter, mit dem Heinrich seinen großen Bruder Thomas merklich in den Schatten stellt und einmal mehr seine genaue, tiefgreifende Beobachtungsgabe beweist.


