Neues aus dem UNIversum

Januar 19th, 2009 18:44 von Redaktion in Sonstiges

Folge 5: mensa, ein Selbstversuch

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Ich kann einigermaßen kochen und ich tue es auch gern. Doch es gibt von Zeit zu Zeit Umstände, die ein selbstgekochtes Mittagessen verhindern. So da wären: Zeit (keine) in Kombination mit Hunger (spontaner großer) sowie Nichtnachhausegehenkönnenweilseminarhaben. Wegen der anstehenden Prüfungen verbrachte ich die letzten Wochen von früh bis spät (11 bis 17 Uhr!) in der Bibliothek, es war weder an Einkaufen noch an Kochen zu denken, dafür an Hunger umso mehr. So schlurfte ich zur Mittagszeit die paar Meter von der Einrichtung des geistigen zu der des leiblichen Wohls herüber. Morgens hatte ich mich noch mit einem Blick auf den Online-Speiseplan versichert, dass sich etwas Essbares für mich finden würde. Aufgrund meiner Lebensmittelbehinderung bevorzuge ich etwas ohne Laktose. Wenn ich mich gegen Schweinefleisch, Alkohol oder eine Phenylaninquelle (what??) in meinem Essen entscheide, so hilft mir der Speiseplan bei der Vermeidung. Aber so etwas Einfaches wie Milchzucker lässt sich offenbar nicht vermerken. Dabei enthält das Mensaessen erstaunlicherweise in den unmöglichsten Gerichten (z.B. panierter Fisch mit Pommes) diesen kleinen Teufel – ich bin der lebende Indikator.
Nun steh ich also in der Mensa und auf dem Aushang über dem Gericht meiner Wahl klebt ein Zettelchen mit der Aufschrift „Tagesangebot“. Ich hasse Überraschungen. Wenigstens ist gerade keine dieser verrückten Aktionswochen, Inka-Woche oder so, in der die Angestellten ungewöhnliche Kopfbedeckungen tragen und es statt Wurzelgemüse Maniok gibt – ebenso ungesalzen versteht sich. Als ich um die Ecke komme, ist die Currywurst-Schlange groß – ein sicheres Zeichen dafür, dass das „Tagesangebot“ wenig den Appetit anregt. Ich gehe trotzdem erstmal schauen. Schnitzel. Dabei muss ich immer daran denken, dass meine Mitbewohnerin mal ein komplettes paniertes Fischfilet gegessen hat in dem Glauben, es wäre ein Schnitzel. Nächste Theke: Frikadellen. Mit Salzkartoffeln, welch Ironie, und einer sehr bunten Gemüsebeilage, die mein Kumpel freitags vorzugsweise nimmt, weil es seiner Meinung nach das ansonsten teurere Biogemüse vom Mittwoch enthält. Dann gibt es noch eine Seltenheit: die so genannte vegetarische Bolognese. Als Vegetarier würde ich dies als Vorhöhnung empfinden. Fast so schlimm wie vegetarisches Gyros.
Ich gehe also zurück zu den Frikadellen. NEIN STOP keine Bratensoße, erfahrungsgemäß voller Milchzucker! Ich habe gerade erst alle Schälchen auf dem Tablett, da ruft jemand: „Der junge Mann dreizwanzig!“ Wo? Das wäre ein nettes Dessert. Ich drehe mich um, da höre ich: „Die junge Frau zweiachtzig!“ Sind doch Aktionswochen? Ich gehe zur Kasse und treffe auf eine aufgehaltene Hand. „Wieviel?“ frage ich. „Zweiachtzig, hab ich doch gesagt“, meint die Frau im Kantinenkostüm und zieht mit einem Schwung mein Tablett weg. Meine Güte, gerade mit dem Essen Kontakt aufgenommen, schon zur Zahlung aufgerufen. Das ist im Grunde recht klug, denn der eine oder andere würde sich nach dem Verzehr wohlmöglich weigern zu bezahlen. Ich suche mir einen Platz an den großen Fensterfronten, weil ich während des Essens darauf hoffe, dass mir ein unvorsichtiger Zeitgenosse mit seinem Betreten der glitschigen Terrassenbohlen die Mittagspause versüßt.
Die Mensa ist in dieser Zeit des ausschließlichen Büffelns auch mein Büro. Es ist fast das einzige Campusgebäude, in dem man telefonieren kann. Und hier treffe ich, meist ohne mich verabredet zu haben, alle Leute, mit denen ich etwas besprechen muss, die ich lange nicht gesehen habe oder eben diejenigen, die immer da sind. Es gibt in der Mensa Menschen, die bei der Inventur mitgezählt werden. So wie mein Kumpel, für den die Mensa die Bauchspeicheldrüse des Campus’ ist: „Ein bißchen eklig, aber unverzichtbar.“ Jemand wie er kann sich einen Kaffee holen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Er stellt sich einfach an die Theke und bekommt einen Latte Macchiato und ein Mandelhörnchen. Da stecken ein paar Semester Arbeit hinter! Plötzlich zucke ich zusammen: Ein kreischendes Gelächter durchbricht das Gemurmel und Geklirre und alle drehen sich in eine Richtung. Die Kaffeetresen-Damen haben offensichtlich mal wieder viel Spaß an ihrer Arbeit. Mein Kumpel und ich beobachten derweil den Hinterausgang. AUSgang wohlgemerkt. „Warum machen die nicht einfach von draußen noch einen Griff dran, damit die Leute nicht immer klopfen müssen?“ frage ich. „Oder man platziert daneben einfach einen Stapel von diesen Pottkieker-Zeitschriften, einen Stapel Türstopper also“ antwortet mein Kumpel. Ich bin fertig mit der wabbeligen Frikadelle, Zeit für einen Kaffee. Ich bestellte einen Filterkaffee und stochere im Naschikorb. Die Wilde Hilde stellt mir den Becher hin und sagt: „Duplo haben wir heute leider nicht.“ Ein halbe Stunde später stoße ich wieder zu meiner Lern-Clique in der Bibliothek. „Na, warst auch in der Mensa? Riecht man…“





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