Turbo-Gustav radelt mühelos gegen den Wind
Januar 19th, 2009 00:40 von Redaktion in • Fachhochschuleund belegt mit seinem Gegenwind-Fahrrad beim ersten Rennen den 1., 2. und 3. Platz
Von GUSTAV WINKLER
Das Gespräch mit Professor Winkler führte für die CZ Prof. Winkler, aliasTurbo-Gustav, der es anschließend mit Tinte aufschrieb. Dann trank er ein Glas Kesselwasser mit Entkalker, um klar zu bleiben, und fuhr eine Runde mit der Dampfwalze, um heiß zu bleiben.
Turbo-Gustav: Professor Winkler, was ist ein Gegenwind-Fahrrad?
Winkler: Ein Fahrrad, das so ausgestattet ist, dass der Gegenwind es nicht abbremst, sondern vorantreibt, ohne dass der Fahrer sich abstrampelt. Es kommt also darauf an, mühelos mit der Kraft des Windes die Kraft des Windes zu überwinden. Das klingt paradox, und es ist es auch. Und ein bisschen Mühe hat es auch gekostet.
TG: Ist das nicht ein perpetuum mobile?
Winkler: Nur bei Windstille. Da nehme ich zuerst Anlauf, und mit zunehmendem Fahrtwind werde ich dann immer schneller. Ich bin kaum zu bremsen.
TG: Aha. - In der Zeitung war zu lesen, Sie hätten beim ersten internationalen Rennen für Gegenwind-Fahrzeuge im August 2008 in Den Helder den 1., 2., und 3. Platz belegt. Sie können aber doch nicht gleichzeitig auf allen drei Stufen des Siegertreppchens gestanden haben?
Winkler: Hätte ich wohl hingekriegt, weil ich lange Beine habe, habe ich aber nicht gemacht. Jedenfalls nicht gleichzeitig, sondern nacheinander. Unter den sechs europäischen Teilnehmern von Dänemark bis Griechenland waren wir dritte, unter den drei deutschen von Baden-Württemberg bis Schleswig-Holstein zweite und unter den beiden schleswig-holsteinischen erste.
TG: Wie schnell sind Sie und die Anderen denn gefahren?
Winkler: Nicht so schnell, wie einige das öffentlich angekündigt hatten. Die Stuttgarter und die Kieler wollten mit fünfzig oder sechzig über den Damm brettern. Auch die Holländer hatten große Erwartungen, und dementsprechend waren die drei Seiten Vorschriften für die Sicherheit der Teilnehmer und Zuschauer, bis hin zur Totmanntaste. Ich hatte eher mit fünfzehn oder sechzehn gerechnet, was dann auch passte, für mich selbst aber mit fünf oder sechs, und das war schon optimistisch. Jedenfalls, je stärker der Gegenwind, desto schneller das Fahrzeug.
TG: Im Klartext: Sie waren also die Langsamsten?
Winkler: Ja und nein; ich rede doch immer Klartext. Wir waren zwar die langsamsten, sind aber bei jedem Rennen ins Ziel gekommen. Was zählte, war ja nur, vor dem jeweiligen Gegner anzukommen, oder überhaupt; dafür gab es einen Punkt. So kam es, dass die ersten drei, nämlich die Stuttgarter, die Holländer und wir, je 3 Punkte hatten. Jetzt hätte man würfeln können, oder dem Alter oder dem Geschlecht dem Vortritt lassen. Wir hatten sowohl den ältesten Fahrer und (wie man hier sagt) einzigen Rentner mit 52 Berufsjahren, als auch die jüngste Fahrerin, Lehrling im ersten Lehrjahr. In dieser verzwickten Situation entschied sich der Rennausschuss dann, auch die absoluten Geschwindigkeiten zu werten.
TG: Heißt das, dass bei manchen Rennen Ihre Gegner auf der Strecke blieben?
Winkler: Ja, im wahrsten Sinne des Wortes, und nicht nur das. Die Griechen und die Kieler waren zwar erschie-nen, kamen aber zwei Tage lang erst gar nicht von der Startlinie weg. Die standen einfach so rum. Das Kie-ler Fahrzeug war dazu noch eine echte Mogelpackung. Schon im Windkanal hatte sein Windrad sich nicht von alleine gedreht. Im Internet konnte man zwar sehen, wie das Fahrzeug über die Holtenauer Piste sauste; aber daneben fuhr ein LKW, der das Fahrzeug über ein Kabel mit Strom versorgte. In den Den Helder hatte das Fahrzeug zehn 12-Volt-Batterien, die aber abgeklemmt werden mussten. Der Leiter der Kieler Gruppe erzählte dann vor laufender Kamera, es läge an einem Kurzschluss. Die Studenten im Hintergrund haben aber wohl an der falschen Stelle gesucht. Das Windrad, eine Fehlkonstruktion, drehte sich nicht einmal im Leerlauf. Das wenigstens klappte bei den Griechen. Vielleicht hätte der Kieler Neu- statt Altgriechisch stu-dieren sollen; dann hätte er von den Griechen etwas lernen können.
TG: Es ist also gar nicht so einfach, ein funktionierendes Gegenwindfahrrad zu bauen?
Winkler: Offensichtlich nicht. Drei gemeldete Teilnehmer, die schon 1.000 € hinterlegt hatten, sind erst gar nicht angetreten, sonst wären es neun statt sechs gewesen. Etwas zu erdenken ist einfach; ich hatte die Idee schon vor sechzig Jahren, andere hatten sie bereits vor sechshundert. Etwas zu erschaffen ist aber schwierig. Ein Prozent Inspiration, neunundneunzig Prozent Transpiration, wie Thomas A. Edison zu sagen pflegte.
TG: Sie sind jetzt 68. Dann fuhren sie schon als Achtjähriger gegen die Wand, pardon, den Wind?
Winkler: Nein, wie gesagt, das ist kein Kinderspiel. Das erste funktionierende Gegenwind-Fahrrad der Welt entstand nach meinen Plänen 1992 in Flensburg, das zweite 2008. Das erste hatte kein Geld gekostet, weil es von meinem Freund Harro Kühn in Handewitt aus Schrottteilen gebaut worden war, das zweite von mir gebaute etwa 2.000 € von der Fachhochschule. Die Kieler hatten 120.000 € zur Verfügung, die Holländer sogar 200.000 € verbraucht, die Stuttgarter vielleicht das doppelte, wenn man ihre Maschinen gesehen hat. Das ist nicht nur kein Kinderspiel, das ist auch kein Pappenstiel!
TG: Sie waren also in Holland nicht immer der Schnellste, aber Sie bleiben auf der Welt für immer der Erste. Und wie geht es weiter?
Winkler: Nächstes Jahr gibt es wieder ein Rennen in Den Helder. Die Kieler werden es noch einmal versuchen, und auch die Fachhochschule Flensburg möchte wieder teilnehmen, dann aber ohne mich. Vielleicht gibt es auch ein paar neue Teilnehmer, aus Holland, Südafrika und Indien zum Beispiel. Die glücklosen Dänen, die nur ein Rennen gewannen, werden bestimmt wieder antreten. Da wird es für die Anfänger aus Schleswig-Holstein schwierig werden; ich kann ihnen nur Glück wünschen.
TG: Wollen Sie den ganz aufhören?
Winkler: Natürlich nicht. Ich würde gerne meine Ideen an ein paar aufgeweckte Studenten weitergeben. Wer dabei sein will, sollte sich bei Timo Schmidt im AStA der Uni melden, der übrigens in Den Helder mit dabei war und weiß, wie’s läuft.
TG: Und was haben Sie noch im Ärmel?
Winkler: Zurzeit arbeite ich an einem Bergauf-Fahrrad und an einem Stromauf-Schiff, letzteres für eine bekannte Fernseh-Wettsendung. Dann denke ich auch noch über einen schadstofffreien thermodynamischen Fahr-zeugantrieb für einen großen Autohersteller auf einem östlichen Subkontinent nach. In meiner Freizeit fahre ich eine zehn Tonnen schwere Dampfwalze auf der Straße und ein zwei Tonnen leichtes Dampfboot auf dem Wasser, aber nie umgekehrt und selten gleichzeitig.
TG: Reicht für das alles Ihre Zeit?
Winkler: Leicht, viel leicht sogar. Der Tag hat 24 Stunden, und wenn das nicht reicht, nehme ich die Nacht dazu.
TG: Professor Winkler, wir danken Ihnen für alles.
Winkler: Bitte sehr. Aber nicht für den Füllfederhalter; den möchte ich zurück haben.


