Interview mit Rektor Prof. Dr. Dunckel

Januar 21st, 2009 17:58 von Redaktion in • Universität

Knappe Mittel an der Uni Flensburg: Sind Forschung und Lehre in ihrem Niveau bedroht?

CZ: Sie haben angekündigt, die Zielvereinbarung mit dem Land Schleswig-Holstein nicht zu unterschrieben, wenn nicht noch weitere Verbesserungen erzielt werden können. Wie kam es dazu, obwohl Sie sich doch an der Ausarbeitung der Zielvereinbarungen beteiligt haben?
Dunckel: Ja, selbstverständlich haben wir uns intensiv beteiligt; solche Vereinbarungen werden über einen langen Zeitraum in mehreren Verhandlungsrunden mit dem Ministerium und in vielen Gremien vorbereitet.
Das Problem ist nur, dass die Universität und das Land in dieser Zielvereinbarung festhalten mussten, dass die zur Verfügung stehenden Mittel nicht ausreichen, die Ziele und Aufgaben der Universität in Lehre und Forschung auf Dauer auf dem erforderlichen qualitativen Niveau zu erfüllen.
Der Universitätsrat und der Senat haben mir deshalb empfohlen, die Zielvereinbarung in der vorliegenden Form zunächst nicht zu unterschreiben, da es ja wenig Sinn macht, eine Zielvereinbarung zu unterschreiben, bei der von vornherein deutlich wird, dass das Geld nicht ausreichen wird, um die genannten Ziele zu erreichen.
Das ist ja irgendwie ein Widerspruch in sich. Letzte Woche haben wir hierüber auch noch einmal im Senat gesprochen. Dort kamen neben den hinlänglich bekannten Problemen in den Instituten oder der Ausstattung und Öffnungszeiten der Bibliothek insbesondere auch die Überlastungssituation der Mitarbeiter in der Verwaltung zur Sprache. In vielen Bereichen müssen die Mitarbeiter Überstunden machen oder gar am Wochenende arbeiten, um, salopp gesagt, den Laden überhaupt am Laufen zu halten. Die Folgen kennen auch Sie als Studentinnen und Studenten.

CZ: Nun wird ja in einem jüngst erschienenen Zeitungsartikel die Zahl von 16,7 Millionen Euro genannt, die der Uni 2009 als Zuschuss des Landes für Investitionen zur Verfügung stehen sollen. Ist diese Zahl korrekt?
Dunckel: Die Zahl ist korrekt und auf den ersten Blick sieht sie ja auch gut aus, aber man muss sie leider relativieren. Wir haben einen Doppelhaushalt für die Jahre 2009 und 2010. Bislang, d.h. in den letzten Jahren hatten wir einen jährlichen Etat von ca. 13,9 Millionen Euro. Bezogen auf diesen Etat sind nun zusätzlich 2,8 Millionen Euro genehmigt worden. Das klingt ja ganz gut und ist ja ziemlich genau die Summe, die ich als unterste Grenze für die Finanzierung genannt habe, die die Universität Flensburg auch in den nächsten Jahren handlungsfähig hält.
Tatsächlich aber ist das die zusätzliche Summe für zwei Jahre. Wir bekommen also im Jahr 2009 schon das zusätzliche Geld für 2009 und 2010. Dies ist sicherlich nicht immer so rüber gekommen.

CZ: Offenbar brauchen wir aber mindestens eine Million mehr als die zugesagten jährlichen 1,4 Millionen. Wie kommen Sie denn auf diese Zahl?
Dunckel: Zunächst einmal habe ich ja eben schon auf die Probleme, z. B. in der Verwaltung, in der Zentralen Hochschulbibliothek, aber auch den verschiedenen Studiengängen hingewiesen. Hier brauchen wir einfach mehr Geld.
Zudem haben wir, das heisst ganz wesentlich Prof. Gerd Grözinger, in verschiedenen Vergleichsrechnungen mit norddeutschen Universitäten, Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg oder auch der Hochschule in Vechta herausgefunden, dass uns ein zusätzlicher Betrag zwischen 2,7 und 6 Millionen Euro fehlt. Wenn man von diesem Betrag die schon zugesagten 1,4 Millionen Euro und die Sondermittel abzieht, dann kommt man auf ziemlich genau 1 Million Euro zusätzliche Mittel.

CZ: Wie kommt es dazu?
Dunckel: Andere Hochschulen sind offensichtlich im Bereich von Forschung und Lehre besser ausgestattet als wir. Also mehr Professuren, mehr wissenschaftlicher Mittelbau, mehr Sachmittel, mehr Bibliotheksmittel, mehr Reisemittel usw.
Denen steht aber auch gerade im Verwaltungsbereich mehr Geld zur Verfügung. Nehmen Sie beispielsweise das ZIMT, das bei uns ganz wesentlich auch von studentischen Hilfskräften betrieben wird. Das merkt man nicht, denn sie machen das hervorragend. Aber strukturell ist das sicherlich auf Dauer so nicht vernünftig.

CZ: Ist diese Unterfinanzierung nicht schon Thema seit dem Wechsel von PH zur Uni Flensburg?
Dunckel: Ja, das ist leider so. Wir haben bei dem Wechsel von der Pädagogischen Hochschule zur Universität nicht erreicht, dass die Ressourcen sich angeglichen haben.
Außerdem hat diese Hochschule eine rasante Entwicklung hinter sich. Vor gut fünfzehn Jahren hatten wir 600 Studentinnen und Studenten, und jetzt studieren hier gut 4.000 junge Menschen. Das ist die sechs- bis siebenfache Menge.
Einerseits haben die Ressourcen mit dieser quantitativen Entwicklung einfach nicht Schritt gehalten; andererseits konnten und können auch die damit einhergehenden erhöhten Anforderungen in Infrastruktur und Verwaltung (z. B. Delegation von Aufgaben aus dem Ministerium, erhöhter Verwaltungsaufwand durch die Umstellung auf Bachelor/Master) nicht angemessen erfüllt werden.
In der Tat haben wir damit den Übergang von der PH zur Universität noch nicht wirklich abschließen können.

CZ: Während der letzten Bildungsausschusssitzung am 27.11. in Kiel fiel immer wieder als Vergleichsbeispiel die Hochschule in Vechta. Wie kommt es denn zu diesem Vergleich?
Dunckel: Ich stütze mich auf die Daten von Prof. Gerd Grözinger, der u. a. die Universität Flensburg mit der Hochschule in Vechta verglichen hat, die man ganz gut mit der Universität Flensburg vergleichen kann, da diese ebenfalls auf die Lehramtsausbildung an Grund-, Haupt- und Realschulen spezialisiert ist und auch ansonsten in der Größe vergleichbar ist.
Er hat hierzu den AKL (Ausstattungs-, Kosten- und Leistungsvergleich der Hochschulen norddeutscher Länder) verwendet, der auch von dem Land Schleswig-Holstein mitfinanziert wird. Anhand dieses AKL werden nach einem recht komplizierten Verfahren Studierendenzahlen sowie deren Regelstudienzeit und Fachrichtungen in Norddeutschland miteinander verglichen.
Das ist natürlich insbesondere im Lehramtsstudienbereich schwierig, weil von Land zu Land und von Fach zu Fach doch deutliche Unterschiede existieren. Dazu kommt, dass die Ressourcen beispielsweise der Kombination Mathematik und Sport nur schwer mit denen der Kombination Deutsch und Geschichte zu vergleichen sind. Man ist also hier auf Modellannahmen und Modellrechnungen angewiesen.
Bei diesen Berechnungen hat sich ergeben, dass selbst die – im norddeutschen Vergleich auch nicht herausragend finanzierte – Hochschule in Vechta deutlich mehr Mittel – im siebenstelligen Bereich – zur Verfügung hat als wir.

CZ: Ein wesentlicher Aspekt der Zielvereinbarung ist auch die ausgesetzte Akkreditierung. Ist die Akkreditierung weiter gefährdet?
Dunckel: Die Akkreditierung in den Vermittlungswissenschaften ist das zentrale Ziel der Universität, nicht nur in der Zielvereinbarung. Das Land hat trotz der schwierigen finanziellen Situation hierfür erhebliche Mittel, nämlich Sondermittel in Höhe von 600 Tausend Euro und zusätzlich jährlich Mittel in Höhe von 1,4 Millionen Euro bereitgestellt. Dafür muss man und sind wir auch dankbar. Ich bin mir auch sicher, dass wir mit diesen Mitteln die Akkreditierung schaffen werden.
Das ändert aber nichts daran, dass die anderen von mir schon genannten Probleme noch nicht gelöst sind. Das hat auch nichts mit mangelnder Dankbarkeit zu tun oder damit, dass ich nun in irgendeiner Weise den Prozess der Zielvereinbarung blockieren will. Wir müssen aber einfach sachlich feststellen, dass die Unterfinanzierung dieser Hochschule immer noch nicht gelöst ist. Ich bin nicht der erste, der das festhält und werde wahrscheinlich auch nicht der Letzte sein.

CZ: Die Unterfinanzierung der Hochschule besteht offenbar schon seit dem Übergang von der Pädagogischen Hochschule zur Universität. Warum wird das erst jetzt festgestellt und was geschieht, wenn keine weiteren Mittel zur Verfügung gestellt werden?
Dunckel: Ich hatte ja schon gesagt, dass ich nicht der Erste bin, der die Unterfinanzierung der Universität festgestellt hat. Das haben meine Vorgänger in diesem Amt auch schon getan. Wenn es keine weiteren Mittel gibt, dann sind wir zunächst gezwungen, irgendwie so weiter zu machen wie bisher.
Nun könnte man meinen, dass das ja nicht so dramatisch ist, denn wir haben das ja auch bislang irgendwie hingekriegt. Ich glaube aber, dass das in der Zukunft und auf Dauer nicht mehr gelingen wird, denn wir verlangen der Verwaltung und den Studierenden dabei einfach zu viel ab. Man kann sicherlich auch mit größeren Mängeln und Problemen umgehen, wenn man weiß, dass sich das irgendwann in Sicht einmal ändert. Mich treibt um, dass dieser Zustand jetzt für weitere 5 Jahre festgeschrieben werden soll. Sie als Studierende kommen ja dann weiterhin auf uns zu und fragen, warum bestimmte Vorgänge so lange dauern oder die Bibliothekszeiten nicht ausreichend sind usw.

CZ: Geht denn die Regierung davon aus, dass wir das weiter so durchhalten?
Dunckel: Offensichtlich nicht, denn sonst hätte das Ministerium nicht mit uns zusammen festgestellt, dass die Mittel auf Dauer nicht ausreichen – auch dann nicht, wenn das Land wie auch in der Vergangenheit uns großzügig hilft, wenn es an irgendeiner Stelle „brennt“.
Ich befürchte aber schon, dass der eine oder andere denkt: das habt ihr ja schon so lange so durchgehalten, das kriegt ihr auch noch weiter so hin.
Natürlich sind auch andere Szenarien denkbar, wenn wir auf Dauer nicht mehr Mittel bekommen. Auf der letzten Universitätsratssitzung ist uns auch deutlich gesagt worden, dass wir dann so lange Aufgaben abbauen müssen, bis das Geld eben für die übrig gebliebenen Aufgaben reicht.
Da wir bei unserem zentralen Bereich, der Lehrerbildung, sicherlich nichts abbauen wollen und können, müssten wir dann also über alle Bereiche außerhalb der Lehrerbildung nachdenken. Da wird dann immer wieder schnell an die Wirtschaftswissenschaften gedacht.
Das Problem ist hier nicht nur, dass der Abbau der Wirtschaftswissenschaften fatale Folgen in der Region und für die deutsch-dänische Kooperation hätte und uns eine erhebliche Anzahl an Studienplätzen kosten würde. Das Problem ist auch, dass durch einen Abbau der Wirtschaftswissenschaften kurzfristig nicht wirklich etwas gewonnen wird, denn die Stellen bleiben und die Studierenden, welche das Studium bereits begonnen haben, können dieses selbstverständlich auch ordnungsgemäß beenden. Innerhalb der kommenden fünf Jahre würde sich effektiv nicht viel ändern können.
Als andere Variante wird immer wieder die Angliederung der Uni Flensburg an die Kieler Universität diskutiert. Schon der Vorsitzende des Universitätsrats, Herr Prof. Gaehtgens, hat die Angliederung eines finanziell problematischen Bereichs an die Christian-Albrechts-Universität in Kiel öffentlich abgelehnt, weil es keine Lösung sein kann, dass Kiel mit den eigenen knappen finanziellen Mitteln eine wie auch immer geartete Sanierung finanziert.
Es gibt also m.E. keine vernünftige Alternative zur Erhöhung der Mittel für die Universität Flensburg. Dass wir mit diesen Mitteln gute Arbeit machen können, haben wir durchaus schon mit den begrenzten Mitteln gezeigt, die wir derzeit zur Verfügung haben.
Fazit ist also, die Einschränkung der Aufgabenbereiche führt zu einer Lösung, die die Universität Flensburg und die Region deutlich schwächt und eine Angliederung an die Universität Kiel stellt aus finanziellen Gründen auch keine Lösung dar.

CZ: Hätten Sie diesbezüglich auch Erwartungen an die Studierenden?
Dunckel: Ich habe immer den Wunsch und die Erwartung, dass die Studierenden sich aktiv für ihre Universität einsetzen.
Die Studierenden sind die größte und wichtigste Gruppe an der Universität. Die meisten Aufgaben an der Universität dienen der Lehre und der Ausbildung der Studierenden. Insofern erwarte ich schon, dass die Studierenden sich dafür einsetzen, dass ihre Lehre, aber auch die Forschung, die eine Universität auszeichnet, so gut wie nur irgend möglich ist und insbesondere dem Niveau anderer, vergleichbarer Hochschulen entspricht.
Derzeit kann ich nicht so recht sehen, dass die Studierenden sich hier besonders aktiv einsetzen. Das mag viele gute Gründe haben. In den Vermittlungswissenschaften sieht es für die Studierenden durch den finanziellen Zuschuss des Landes deutlich besser aus. Die Studierenden in den anderen Bereichen fühlen sich offensichtlich von der gegenwärtigen Situation nicht besonders beunruhigt.

CZ: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten: Jannes Koch, Martin Müller und Oliver Schimkus





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